Musik im Krabbelstubenalter etablieren

Aktuelles

09.04.2024

Ein neues Musik-Kooperationsprojekt zwischen der Krabbelstube Klanghafen im Ostend und dem benachbarten Dr. Hoch’s Konservatorium möchte schon im Krabbelstubenalter Musik im Leben der Kinder und ihrer Familien etablieren. Um das zu erreichen, ist das Projekt auf verschiedenen Ebenen aktiv. Die innovative Kooperation ist jetzt Anfang 2024 gestartet.

Heute ist Dienstag und Johanna Fell wieder zu Besuch im Klanghafen. Seit ein paar Wochen kommt sie regelmäßig einmal die wöchentlich in die Krabbelstube im Ostend. Dann ist Singkreis im großen Bewegungsraum im Erdgeschoss der Einrichtung. Johanna Fell leitet diesen Singkreis und ist Elementare Musikpädagogin am benachbarten Dr. Hoch‘s Konservatorium. Dieser wöchentliche Singkreis ist ein Baustein in einem neu konzipierten und innovativen Kooperationsprojekt zwischen der renommierten Musikakademie und der Krabbelstube. Gestartet ist es jetzt Anfang 2024 und läuft zunächst bis Ende März 2025, mit der Hoffnung, es fortzuführen. Das Projekt hat zum Ziel, schon im Krabbelstubenalter Musik im Leben der Kinder und ihrer Familien zu etablieren. Um das zu erreichen, ist das Projekt auf verschiedenen Ebenen aktiv. So wird die musikalische und musikpädagogische Kompetenz der Klanghafen-Fachkräfte gestärkt. Studierende des Konservatoriums hospitieren regelmäßig in der Krabbelstube, erleben die Null- bis Dreijährigen in ihrer gewohnten Umgebung, in ihrer Interaktion mit anderen, sammeln Erfahrungen mit ihnen im Alltag als auch in Unterrichtssituationen. Und zu guter Letzt werden auch die Eltern und Familien in das Projekt eingebunden. „Studierende, Erzieher*innen, Kita-Leitung, Familien und die beteiligten Elementaren Musikpädagog*innen profitieren dabei vom Einblick in die Lebenswelten, der jeweiligen Expertise und dem Austausch von und mit den anderen Beteiligten“, erläutert Lea Wohlstein, Dozentin am Dr. Hoch’s Konservatorium, die ebenfalls am Projekt mitwirkt.

An diesem Dienstag ist Johanna wieder im Klanghafen. Bei den Kindern ist die Vorfreude zu spüren. Im Bewegungsraum setzen sie sich mit den Erzieher*innen und Johanna in einen Kreis. Dann stimmt die Musikpädagogin das Begrüßungslied an, eine einfache, eingängige Melodie, bei dem jedes einzelne Kind mit dem Namen angesprochen wird, unterstützt von einladenden Gesten. Die gesungene Begrüßung geht reihum. Es wird viel gelächelt, miteinander gelacht. Wenn der Name mal vergessen ist, wird er einfach in der Gruppe vorgesungen. Johanna Fell beobachtet die Kinder, lässt sich auf sie ein, ist behutsam und drängt nicht. Die Jungen und Mädchen werden zusehends agiler, aufgeweckter. In einer Handtrommel liegen bunte Eier aus Papier und ein kleines Häschen aus Holz. „Was machen Hasen?“, fragt sie in die Runde. „Hüpfen“ antworten fröhlich sogleich mehrere Kinder, hopsen los, klatschen in die Hände. Und dann darf ein Mädchen den Osterhasen im Raum verstecken, alle halten sich mit den Händen die Augen zu, bis sie wieder schauen dürfen. Schwups, die anderen Kinder haben die Figur flugs entdeckt. Dann dürfen sie sich mal verstecken: unter bunten Tüchern. Aber mit den Tüchern tanzen die Kinder auch, strecken sie in die Höhe und wirbeln sie durch die Luft. Wenig später ist der Singkreis für diesen Tag zu Ende. Johanna sammelt die Tücher ein. Gemeinsam wird sich voneinander verabschiedet. Bis nächste Woche.

Doch diese gut 20 Minuten zeigen, was Musik bewirkt und alle Sinne anspricht. Musik fördert die Kreativität, das Miteinander, die Bewegung und Motorik, das Rhythmus- und Melodiegefühl, die Sensorik, das Hören, das Denken und die Sprache, betont Projektleiterin Wohlstein. Indes habe sich ihr zufolge die Corona-Pandemie auf das musikalische Geschehen in Kindertageseinrichtungen kontraproduktiv ausgewirkt. Das Kooperationsprojekt mit dem Klanghafen möchte das ausgleichen und jungen Studierenden an der Akademie die Gelegenheit bieten, praktische Erfahrungen im Kontext einer Kita zu sammeln. Dies biete eine gute Ergänzung zu den musikalischen Kursen im Konservatorium, an denen die Kinder mit ihren Bezugspersonen teilnehmen, so Wohlstein.

Zugleich ist ein zentrales Anliegen des Projekts, möglichst vielen Kindern Zugang zu musikalischer Bildung zu ermöglichen, und das unabhängig vom Geldbeutel der Familien. „Die Ansiedlung im Kita-Kontext lassen soziale Ungleichheiten in den Hintergrund treten“, erläutert Wohlstein. So ist die Elternarbeit, flankiert durch Elternabende, Feste, Konzerte, ein zentrales Element des Projekts und steht im Sommersemester besonders im Fokus. „Die Rückkopplung in die Familien funktioniert zum Beispiel durch Bastelarbeiten in den Gruppen, über die die Eltern erfahren, was in der Kita passiert, und ist eine Möglichkeit musikalische Ideen zuhause mit den Kindern aufzugreifen und den Alltag musikalischer zu gestalten“, veranschaulicht Wohlstein. Zur Qualifizierung nimmt sich Johanna Fell jede Woche Zeit, um Fragen der Erzieher*innen zu beantworten und Anregungen und Hinweise für die weitere Verarbeitung des Singkreis-Materials in den Gruppen zu geben. Zusätzlich sind Workshops für das Team geplant. Im Fokus der Kooperation steht die Partizipation aller Beteiligten. So entwickelt sich die Zusammenarbeit stetig weiter. Ganz neu richtet das Dr. Hoch‘s Konservatorium Eltern-Kind-Kurse eigens für die Familien der Krabbelstube ein, um noch mehr Anknüpfungspunkte an die Musik anbieten zu können.

Dass dieses Projekt mit Dr. Hoch‘s Konservatorium zustande gekommen ist, ist für die Leiterin der Krabbelstube, Melanie Halbach, „Musik in meinen Ohren“. Schon länger habe die Einrichtung mit dem klangvollen Namen und ihren Gruppen „Pianozwerge“, „Klingglöckchen“, Rasselbande“, „Trommelwirbel“ und „Zauberflöte“ gehofft, mit der renommierten Musikakademie in der direkten Nachbarschaft zusammenzuarbeiten. „Die Musik mehr in den Alltag einfließen zu lassen, hatte ich als Idee, seit ich 2019 die Leitung übernommen habe. Aber dann kam Corona und hat dem erstmal den Riegel vorgeschoben“, berichtet Melanie Halbach. Schließlich war es ein wenig der Zufall, der dem Kooperationsprojekt das Zustandekommen ermöglichte. Die Krabbelstube musste aus Brandschutzgründen einen externen Sammelplatz definieren und dachte dabei an das benachbarte Konservatorium. Sie kontaktierte den pädagogischen Leiter, Dr. Fabian Rieser, der dem zustimmte. Zeitgleich kamen Rieser und Halbach ins Gespräch über mögliche Formen der Zusammenarbeit. „Er war sofort Feuer und Flamme. Er sah darin gleich einen Gewinn für die Studierenden“, erzählt Melanie Halbach lächelnd. Ohne weitere Zeit zu vertun, nahm sich das Konservatorium der Idee an, beauftragte Dozentin Lea Wohlstein, ein Konzept mit Lehrplan und Hospitationen in der Krabbelstube zu erstellen. Ein kleines Konzert im Sommer für die Kinder war der inoffizielle Auftakt der Zusammenarbeit. Für die Eltern wurde die Kooperation beim Nikolausfest im Klanghafen sichtbar, das einige Studierende mit ihren Instrumenten begleiteten. Nachdem nun die ersten Singkreis-Termine und Studierenden-Besuche stattgefunden haben, ist Melanie Halbach rundum begeistert: „Alle können nur gewinnen.“

Sonja Thelen (UK)